996 – Eat-Sleep-Work-Repeat: Arbeitszeit extrem

Bye-bye Work-Life-Balance?

996 ist der neueste Trend in der Arbeitswelt. Noch nie gehört? 996 steht für Arbeitszeiten von 09.00 Uhr morgens bis 21.00 Uhr abends und das an 6 Tagen in der Woche, also 72 Wochenstunden.

Dieses radikale Arbeitszeitmodell, das ursprünglich aus China stammt, trendet gerade in den USA, vor allem bei US-Tech-Firmen und Start-ups im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), um schneller zu expandieren und im globalen Tech-Wettlauf mitzuhalten. Eat-Sleep-Work-Repeat statt Work-Life-Balance.

Das 996-Modell ist in China zwar weit verbreitet, offiziell aber illegal. Das chinesische Arbeitsrecht erlaubt eine 40-Stunden-Woche mit maximal drei Überstunden pro Tag und 36 im Monat. Diese Überstunden können auf sechs Tage verteilt werden, doch langfristig muss der Durchschnitt bei 40 Stunden bleiben.

„Kandidaten, die sich nicht darauf freuen, 70 Stunden pro Woche zu arbeiten“ brauchen sich beim KI-Start-up Rilla AI z. B. gar nicht erst zu bewerben, Google-Mitbegründer Sergey Brin sprach sich zuletzt für Arbeitszeiten von mindestens 60 Stunden pro Woche aus und Tesla-Chef Elon Musk fordert, dass seine Mitarbeiter „extrem hardcore“ und bereit sein müssen „lange Stunden mit hoher Intensität zu arbeiten“. Das Start-up Icon verlangt von seinen Mitarbeiter*innen Reaktionszeiten im Minuten- oder Sekundentakt – auch nachts und an Wochenenden.

Hinter diesem Trend steckt eine Subkultur innerhalb der Generation Z, die sich Tech-Ikonen wie Steve Jobs und Bill Gates zum Vorbild nehmen, die für eine Arbeitsethik stehen, bei der persönliche Opfer für unternehmerischen Erfolg als notwendig angesehen werden.

Bruch mit dem traditionellen 8-Stunden-Tag auch in Deutschland?

Ein rekordverdächtiges Arbeitszeitmodell: In den USA sehen fast 70 Prozent der Beschäftigten bei sich ein mittleres bis hohes Burnout-Risiko. Überlastung führt nicht nur zu Erschöpfung, sondern wirkt sich auch negativ auf die Produktivität aus, da sich Beschäftigte innerlich von ihrer Arbeit distanzieren. Die Mitarbeiterfluktuation in solchen Unternehmen ist drei Mal so hoch wie der Durchschnitt. Eine nachhaltige Strategie ist das 996-Modell damit nicht.

Gleichzeitig steigt die Arbeitslosenquote unter jungen Tech-Spezialisten in den USA stärker als die durchschnittliche Arbeitslosigkeit und damit u. U. auch die Bereitschaft extreme Arbeitszeiten zu akzeptieren aus Angst, ersetzbar zu sein.

Während US-amerikanische Start-ups auf grenzenlose Arbeit setzen, beweisen andere Unternehmen, dass weniger manchmal mehr ist und setzen eher auf Optimierung von Arbeitsprozessen statt Maximierung von Arbeitszeiten. Microsoft Japan testete eine Vier-Tage-Woche und verzeichnete 40 % Produktivitätssteigerung. Entscheidend: Die Kombination aus Fokuszeit ohne Meetings, klare Deadlines und geplante Erholungsphasen.

In Deutschland ist das 996-Modell weder rechtlich zulässig noch kulturell akzeptiert, aber auch bei uns stehen die Zeichen auf Flexibilisierung. Die Bundesregierung plant eine Reform des Arbeitszeitgesetzes, wonach die tägliche Arbeitszeit abgeschafft werden soll. Auch 12-Stunden-Tage könnten damit de facto möglich sein. An der wöchentlichen Arbeitszeit von maximal 48 Stunden soll aber festgehalten werden.

Angesichts dieses weltweiten Trends zur extensiven Ausdehnung der Arbeitszeit ist es gut, dass der Europäische Gerichtshof schon vor Jahren entschieden hat, dass in der EU die geleistete Arbeitszeit konsequent erfasst werden muss.

Übrigens: Rund drei Viertel der bundesdeutschen Beschäftigten würden laut Umfragen weiterhin maximal acht Stunden täglich arbeiten wollen.

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